24 Jun

Kleine Touren durch Teheran – von ÖPNV in Teheran, wahnsinnigen Taxifahrern, Verkehrschaos und grünen Oasen

Unsere erste kleine Tour, zur Aklimatisierung, ging vom Stadtteil Golhak aus noch weiter in den Norden zum Saadabad Park. Hier stehen 18 Sommerpaläste der ehemaligen Schahs. Die berühmtesten zwei sind der Grüne und der Weiße Palast, da sie in Ausstattung und Bauweise so konträr sind. 

ÖPNV

Von Golhak aus sind wir mit der Metro Linie 1 bis zur Endstation Tajrisch gefahren. Auch wenn alle behaupten die Fußgängerwege und U-Bahnstationen sind nicht Kinderwagen geeignet – und tatsächlich sieht man kaum bis nie iranische Eltern mit einem Kinderwagen in der Stadt – haben wir uns dennoch in das Abenteuer Teheran zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gestürzt.

Das ging tatsächlich besser als angekündigt. Auf dem Weg zur U-Bahnstation begegneten uns zwar einige Kinderwagenhürden, die wir aber alle meistern konnten: 1. Poller – manchmal passt der Wagen nicht durch, 2. plötzliche Verengung des Bürgersteigs auf Kinderwagenbreite oder schmaler 3. anderweitige Nutzung des Bürgersteigs, z.B. als Parkplatz, erweiterte Ladenfläche oder Arbeitsfläche zum Obst- oder Gemüseputzen, 4. Bordsteine, die wie eine Barriere Fußgänger und Verkehr trennen, und ein einfaches Straße überqueren verhindern, 5. riesige Baumscheiben oder Verkehrsschilder und Laternen, die mitten auf dem Weg stehen, 6. offene Wasserkanäle, die ein x-beliebiges Überqueren der Straße unmöglich machen und 8. natürlich das Straße überqueren bei laufendem Verkehr, denn Zebrastreifen gibt es überall aber nur zur Deko.  Die einzige Lösung ist oft das Laufen auf der Straße und freundliches, aber bestimmtes Auftreten mit hervorgestrecktem Arm um sich durch die ihrerseits dann freundlich hupenden Autos zu bewegen. 

Danach ist dann ein Kinderwagen im U-Bahnhof schon fast ein Klacks. Bei Treppen packen wir den Wagen einfach links und rechts und tragen Noah so zwischen uns hoch und runter, mit Rolltreppen funktioniert es aber am Leichtesten. Durch die Einlassbarrieren zu den Zügen passt der Kinderwagen meistens und wenn nicht, helfen dann auch gerne das U-Bahnpersonal und tausend Hände um Noah über eine Barriere zu hiefen. Der Einstieg in die Bahn ist problemlos, da es fast keine Lücke zwischen Bahnsteig und Bahn gibt. Als Familie können wir alle zusammen im Männerabteil der Bahn Platz nehmen – ansonsten ist es so, dass Frauen eigene Abteile haben, aber auch im Männerabteil fahren können, andersherum gilt das nicht.

Verkehrschaos und ein scheinbar wahnsinniger Taxifahrer

Am Tajrisch angekommen erwartet uns ein buntes Gewimmel der verschiedensten Verkehrsmittel, die alle gemeinsam und gleichzeitig versuchen als erster den Platz zu verlassen, dafür werden aus vierspurigen Straßen auch gerne schnell mal 6 oder 8-spurige Straßen. Motorradfahrer schert das alles nicht, die fahren zwischendurch, entgegen der Verkehrsrichtung oder auch über den Bürgersteig. Plus die Fußgänger, die sich auch noch den Weg ungeachtet der Ampeln über die Straßen bahnen, machen das Chaos perfekt. Und wir samt Noah im Buggy mittendrin, der immerhin für soviel Aufsehen sorgt, dass wir überall unbeschadet durchkommen, insbesondere wenn Ulli als Mann schiebt.

Wir nehmen also ein privates Taxi den Berg hinauf zum nördlichen Eingang des Saadabad-Parkes – Kindersitze in Autos sind im Iran genauso wenig Vorhanden wie Kinderwagen im Straßenbild. Ich schnalle also mich mit Noah auf dem Schoß an. Unser Fahrer verlässt seine Parklücke und überquert wild gestikulierend und hupend die 8 spurige Straße. Ich ziehe mehrmals geräuschvoll die Luft durch die Zähne und stöhne auf visavis mit den Kühlerhauben der anderen Autos. Ein Wunder! Wir kommen unbeschadet auf der anderen Seite des Platzes an. Auf der nun im Vergleich schon fast ausgestorbenen Straße zum Eingang des Saadabad-Parkes kommentiere ich das eben erlebte mit den Worten „You are a good driver.“ , was unseren Fahrer sichtlich belustigt. Es verwundert wohl kaum, dass in Teheran kein Auto ohne Beule und Kratzer herumfährt.

Saadabad – Palastanlage

Aber allen Hürden zum Trotz – irgendwann kommt man am Ziel an und das war für diesen Tag die Saadabad Palastanlage, die 18 Paläste umfasst. Hier verbrachten die Schahs der Kadscharendynastie ihre Sommer. Nach Erweiterungen in den 1920er Jahren durch Reza Shah Pahlavi nutzt er sie sowohl für Amts- als auch für Wohnzwecke. Diese Tradition setzte sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi fort, bis im Zuge der islamisch-iranischen Revolution die Saadabad-Palastanlage zum Museum erklärt wurde.

Wir haben von Norden her die Parkanlage betreten und uns den Grünen und den Weißen Palast angeschaut.

Grüner und Weißer Palast

1928 wurde der Grüne Palast  errichtet. Sein Name geht auf die grüne Marmorauskleidung zurück. Das besonders Sehenswerte ist hier die Spiegelkunst, die den Hauptraum auskleidet sowie der etwa 70 m² große Teppich.

Im Kontrast dazu steht der 1936 errichtete größte der Paläste – der Weiße Palast. Er verfügt über eine Wohnfläche von 5000 m². Allein schon die Fassade ist im Gegensatz zum orientalisch gehaltenen Grünen Palast eher modern und schlicht. Eine breite Treppe führt in den 1. Stock des Gebäudes, der mit weißem Marmor ausgekleidet ist.  Die glitzernde Verzierung mit Spiegelmosaiken sucht man hier vergebens, dafür liegt im Festsaal ein 145 m² großer, fein geknüpfter Maschhad-Teppich. Riesige Wandgemälde mit Szenen aus dem Schāhnāme-Königsbuch verzieren den pagodenartigen Dachaufbau des Festsaals – Noah konnte hier ganz seiner Leidenschaft für Pferde nachgehen. Laut wiehernd stand er vor den übergroßen Gemälden und bestaunte die Reiterszenen.

Das ausgestellte Mobiliar und Porzellan verdeutlichten uns die Pracht der Schahzeit – besonders interessant fand ich die Ausstellung der verschiednen Service, mit denen zu unterschiedlichen Tageszeiten oder Anlässen die Tafeln eingedeckt wurden.

Nach einem kleinen Mittagsimbiss, den wir aufgrund des Ramadan auf einer abgelegnen Wiese eingenommen haben, sind wir dann gemütlich den Berg hinab zurück zum Tajrisch-Bazar spaziert.

Tajrisch Bazar 

Am Tajrisch Bazar haben wir uns ins Getümmel der Leute gestürzt um ein paar Einkäufe für den Abend zu erledigen. Auf dem Programm stand Kochen mit unserer Gastfamilie. Also war der Auftrag Gemüse zu besorgen. Außerdem brauchten wir für unser Frühstück noch Obst.

Einkaufen auf dem Bazar ist einfach und spannend: Die Auswahl an unterschiedlichsten Früchten ist riesig, an der Verständigung mit den Verkäufern muss ich allerdings noch etwas arbeiten. Mit Händen und Füßen kommt man zwar auch durch, aber im besten Falle – und das passiert häufig –  kann einer der anderen Einkäufer Englisch oder ist gerade auf Urlaub im Iran oder war schon mal in Deutschland und spricht Deutsch und kann dann beim Einkaufen helfen. Tatsächlich sind die Iraner sehr hilfsbereit und helfen einem gerne durch den Bazardschungel und beim Bezahlen mit den schier horrenden Summen, die man gar nicht so schnell umgerechnet bekommt. 1 Euro sind Pi mal Daumen 50 000 Rial, was wiederum 5000 Toman sind. Je nach Laune werden die Preise in Rial oder Toman genannt, dann muss ja auch noch ein wenig gefeilscht und verhandelt werden. Uff! Da ist fachkundige Hilfe schon eine enorme Erleichterung. Außerdem ist es bei manchen Früchten gut eine Erklärung zu bekommen, um was es sich handelt. So haben wir Tut (Maulbeeren) entdeckt – eine zuckersüße Frucht, die im Mai gerade Saison hatte. Lecker!

Allzeit gute Reise!

Eure

 

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